Bürokratieabbau, seit Jahren versprochen.
Bürokratie kostet nicht nur Geld. Sie kostet Aufmerksamkeit. Und die fehlt im Mittelstand zuerst dort, wo die nächsten Aufträge entstehen sollten.
Julian Budak Gründer von budak.
Im Oktober 2025 hat das Bundeskabinett seine Modernisierungsagenda beschlossen. Das Ziel: Die Bürokratiekosten der Wirtschaft sollen um 25 Prozent sinken, das wären rund 16 Milliarden Euro im Jahr.1
Im August 2026 wollte der Bundestag wissen, wie weit man ist. Die Antwort der Bundesregierung: Seit November 2025 seien über 40 Entlastungsmaßnahmen beschlossen worden, zusammen rund zehn Milliarden Euro im Jahr. Wie viel vom 25-Prozent-Ziel erreicht ist, sagt sie nicht.2
Was in den Betrieben ankommt
Der Normenkontrollrat hat im Oktober 2026 eine „gemischte Bilanz“ gezogen. Der gesamte Aufwand für die Wirtschaft ist gesunken, vor allem durch Lasten, die künftig gar nicht erst entstehen. Die Bürokratiekosten im engeren Sinn, also Formulare, Meldungen und Berichte, sind dagegen um rund 1,3 Milliarden Euro gestiegen.3
Die Unternehmen spüren genau das. In einer Umfrage der IHK Region Stuttgart gehen im Schnitt 27 Prozent der Arbeitszeit in Bürokratie. Auf einer Skala bis zehn bewerten die Betriebe ihre Belastung mit 7,0, vor fünf Jahren waren es 4,7.4 Bei meiner eigenen IHK in Osnabrück sagen 28 Prozent der Unternehmen, dass sie deshalb Investitionen verschieben.5
Am deutlichsten wird es beim IW. Von den Industrieunternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten haben 45 Prozent eigene Stellen geschaffen, nur um Berichtspflichten zu erfüllen.6 Fast jeder zweite Mittelständler bezahlt also Menschen dafür, dem Staat zu antworten.
Es gibt auch gute Nachrichten
Fairerweise: Manches ist tatsächlich weg oder kommt nicht. Die EU hat die Nachhaltigkeitsberichterstattung im Frühjahr 2026 so zurückgeschnitten, dass sie erst ab 1.000 Beschäftigten und 450 Millionen Euro Umsatz greift. Der typische Maschinenbauer fällt damit heraus.7 Das Lieferkettengesetz wird in der Praxis kaum noch verfolgt, die Berichtspflicht ist ausgesetzt.8
Nur: Ausgesetzt ist nicht abgeschafft, und ein Gesetz, das nicht mehr kontrolliert wird, aber noch gilt, ist für einen Betrieb mit vierzig Mitarbeitern keine Entlastung, sondern eine Rechtsunsicherheit.
Bürokratie ist eine Steuer auf Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit ist im Mittelstand die knappste Ressource.
Die eigentlichen Kosten stehen in keiner Statistik
Der Normenkontrollrat rechnet in Euro. Das ist richtig, aber es greift zu kurz. In einem Betrieb mit sechzig Beschäftigten sitzen die Menschen, die Formulare ausfüllen, nicht in einer eigenen Abteilung. Es sind der Geschäftsführer, die kaufmännische Leitung, der Vertriebsleiter. Dieselben Menschen, die eigentlich darüber nachdenken sollten, wie der Betrieb im nächsten Jahr an seine Aufträge kommt.
Jede Stunde, die in eine Meldung fließt, fehlt dort. Das steht in keiner Kostenschätzung. Es zeigt sich zwei Jahre später, wenn der Auftragseingang nachlässt und keiner genau sagen kann, warum.
Ich wünsche mir von der Politik nicht noch ein Ziel in Prozent, sondern eine einfache Regel: Für jede neue Pflicht verschwinden zwei alte. Über genau diese Regel, „One in, two out“, ist laut Bundesregierung noch immer nicht endgültig entschieden.2
Quellen
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beck-aktuell: „Kabinett beschließt Modernisierungsagenda“, 01.10.2025. ↩
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Deutscher Bundestag, hib: „Bilanz des Bürokratieabbaus“, 27.08.2026. Antwort der Bundesregierung, Drucksache 21/7659. ↩ ↩2
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dbb beamtenbund und tarifunion: „Gemischte Bilanz zum Bürokratieabbau und besserer Rechtsetzung“, 09.10.2026. Zum Jahresbericht 2026 des Nationalen Normenkontrollrats. ↩
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IHK Region Stuttgart: „Bürokratieumfrage“, 10.07.2026. Über 800 Unternehmen. ↩
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IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim: „Umfrage Bürokratie“, Juni 2026. ↩
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Institut der deutschen Wirtschaft: „Bürokratielasten (IW-Policy-Paper)“, 03/2026. IW-Zukunftspanel, 1.088 Industrie- und industrienahe Unternehmen. ↩
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Latham & Watkins: „EU Sustainability Omnibus Published in the Official Journal“, 2026. ↩
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Taylor Wessing: „LkSG: aktueller Stand“, 01/2026. ↩