Der CO₂-Preis macht Pause. Die Rechnung nicht.
Berlin hat den CO₂-Preis für 2027 noch einmal gedeckelt. Ab 2028 bestimmt ihn der europäische Markt. Wer heute eine Heizung oder einen Ofen kauft, kauft für diese Zeit.
Julian Budak Gründer von budak.
Am 15. Oktober hat der Bundestag beschlossen, dass der CO₂-Preis auf Erdgas, Heizöl und Diesel auch 2027 zwischen 55 und 65 Euro pro Tonne bleibt.1 Für viele Betriebe klingt das nach Ruhe. Ich halte es für das Gegenteil: für ein Jahr Aufschub, in dem man sich vorbereiten sollte.
Was gerade gilt
Seit 2026 werden die Zertifikate im nationalen Emissionshandel versteigert, innerhalb eines Korridors von 55 bis 65 Euro. Die erste Auktion im Juli war mehrfach überzeichnet und endete am Höchstpreis von 65 Euro.2 Der Markt hält den Deckel also schon heute für zu niedrig.
Eigentlich sollte 2027 der europäische Emissionshandel für Gebäude und Verkehr starten, kurz ETS2. Die EU hat den Start um ein Jahr auf den 1. Januar 2028 verschoben.3 Deutschland überbrückt das Jahr mit dem alten Korridor. Danach entscheidet der Markt.
Was der Markt verlangen wird, weiß niemand. Die Schätzungen für 2030 reichen von 60 bis 380 Euro pro Tonne, im Mittel der ausgewerteten Studien sind es rund 210 Euro.4 Der Ökonom Achim Wambach vom ZEW hält bis zu 200 Euro für möglich.5
Was das in Cent bedeutet
Pro 10 Euro CO₂-Preis wird eine Kilowattstunde Erdgas um rund 0,18 Cent teurer, ein Liter Diesel oder Heizöl um rund 2,7 Cent, jeweils ohne Mehrwertsteuer.6 Bei 65 Euro sind das heute gut 1,2 Cent pro Kilowattstunde Gas.7
Eine Halle, die 500 Megawattstunden Gas im Jahr verheizt, verursacht rund 91 Tonnen CO₂. Bei 65 Euro kostet das knapp 6.000 Euro im Jahr. Bei 210 Euro sind es rund 19.000 Euro.6 Für einen Fuhrpark mit 40.000 Litern Diesel steigt die Rechnung im gleichen Szenario von rund 7.000 auf gut 22.000 Euro.6
Eine Entlastung gibt es nur für wenige. Die Carbon-Leakage-Regel des nationalen Emissionshandels deckt einzelne Branchen ab, darunter Gießereien und Schmieden für Wellen und Kurbelwellen. Der Maschinenbau steht nicht auf der Liste.8
Eine Heizung, die 2027 eingebaut wird, läuft bis in die 2040er. Sie wird fast ihr ganzes Leben unter einem CO₂-Preis arbeiten, den heute niemand kennt.
Was ich Betrieben rate
Nicht in Panik verfallen, aber anders rechnen. Wer eine Anlage kauft, die Wärme erzeugt, sollte sie nicht mit dem CO₂-Preis von heute kalkulieren, sondern mit einer Bandbreite für 2030. Rödl & Partner empfiehlt dafür einen internen Schattenpreis.4 Das ist keine Ideologie, sondern Investitionsrechnung.
Für den Umstieg gibt es Geld. Die Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz bezuschusst Prozesswärme aus erneuerbaren Energien, etwa Wärmepumpen, mit bis zu 60 Prozent bei kleinen und 50 Prozent bei mittleren Unternehmen.9 Anträge sind bis Ende 2028 möglich, müssen aber vor Beginn des Vorhabens gestellt werden.10 Für die Heizung von Hallen und Bürogebäuden gibt es bei der KfW einen Zuschuss von 30 Prozent.11
Von der Politik erwarte ich vor allem eines: dass sie ehrlich sagt, wohin der Preis gehen wird. Ein Deckel, der jedes Jahr neu beschlossen wird, schafft keine Planungssicherheit. Er verschiebt nur den Moment, in dem die Rechnung kommt.
Quellen
-
Deutscher Bundestag: Textarchiv zum Brennstoffemissionshandelsgesetz, 15.10.2026. ↩
-
ZfK: Erste Auktion im nationalen Emissionshandel mehrfach überzeichnet, Juli 2026. ↩
-
ICAP: „EU reaches agreement on 2040 climate target, postpones ETS 2 one year“, 10.03.2026. ↩
-
Rödl & Partner: „ETS 2 verzögert – Klimakosten bleiben“, 2026. Auswertung mehrerer Preisstudien. ↩ ↩2
-
Stuttgarter Zeitung: Bericht zu Prognosen für den CO₂-Preis, 13.01.2026. ↩
-
Eigene Rechnung mit den Standardwerten der Emissionsberichterstattungsverordnung 2030, Anlage 2. Erdgas auf Basis des Brennwerts. ↩ ↩2 ↩3
-
IHK Düsseldorf: Brennstoffemissionshandel, 2026. ↩
-
Anlage zur BEHG-Carbon-Leakage-Verordnung. Zu den Voraussetzungen: Rödl & Partner, Carbon-Leakage-Kompensation im nationalen Emissionshandel, 26.03.2026. ↩
-
BAFA: Modul 2: Prozesswärme aus Erneuerbaren Energien, 2026. Große Unternehmen 40 Prozent. ↩
-
Förderdatenbank des Bundes: Bundesförderung für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft, Stand 2026. ↩
-
KfW: Heizungsförderung für Nichtwohngebäude, Anpassungen Juli 2026, 2026. ↩