Energiepreise sind eine politische Entscheidung.
Kein Maschinenbauer kann seine Stromrechnung wegoptimieren. Die Entlastung für 2026 hat zehn Milliarden gekostet und kommt bei ihm als Rundungsfehler an.
Julian Budak Gründer von budak.
Ein mittelgroßer Industriebetrieb zahlt in Deutschland 2026 im Schnitt 17,2 Cent pro Kilowattstunde. Im Vorjahr waren es 17,6 Cent.1 So steht es in der Strompreisanalyse des BDEW vom August.
Zwischen diesen beiden Zahlen liegt ein Entlastungspaket, das die Bundesregierung selbst auf rund zehn Milliarden Euro im Jahr beziffert: 6,5 Milliarden Zuschuss zu den Netzentgelten, die abgeschaffte Gasspeicherumlage, die dauerhaft gesenkte Stromsteuer.2 Beim Maschinenbauer mit Mittelspannungsanschluss kommen davon vier Zehntel Cent an. Und selbst die erklärt der BDEW nur zum Teil mit dem Zuschuss.1
Der Preis steht im Gesetz, nicht in der Produktion
Ich höre oft, Unternehmen müssten eben effizienter werden. Das stimmt, und die meisten haben es längst getan. Aber ein Betrieb kann seinen Verbrauch senken, nicht den Preis pro Kilowattstunde. Netzentgelte, Umlagen und Steuern stehen in Gesetzen und Verordnungen. Wie teuer Strom in Deutschland ist, wird in Berlin entschieden, nicht in der Werkhalle.
Der Vergleich ist bekannt und trotzdem jedes Mal bitter. Industrie in der EU zahlte 2024 nach Eurostat-Daten rund 20 Cent pro Kilowattstunde, in den USA waren es 7,5 und in China 8,2 Cent.3 Beim Gas liegt Deutschland für Unternehmen auf Platz drei der teuersten Länder in der EU.4
Fünf Cent, aber nicht für alle
Seit April ist der Industriestrompreis von der EU genehmigt: fünf Cent pro Kilowattstunde, für 91 Branchen, für höchstens die Hälfte des Verbrauchs, beantragt ab Anfang 2027 rückwirkend.5 Die Liste der berechtigten Branchen richtet sich nach Strom- und Handelsintensität. Vom Maschinenbau stehen darauf nur Teile.6
Der typische Mittelständler, der Baugruppen montiert, Anlagen konstruiert und beim Kunden in Betrieb nimmt, ist nicht stromintensiv genug, um gerettet zu werden, und doch stromintensiv genug, um es auf der Rechnung zu spüren. Der VDMA hat den Industriestrompreis schon 2023 als strukturkonservativ kritisiert.7 Ich teile das. Subventionen für wenige ersetzen keinen Preis, mit dem alle planen können.
Ein Standort ist nicht teuer, weil Energie knapp ist. Er ist teuer, weil die Rechnung politisch zusammengesetzt wird.
Die Abstimmung läuft schon
Die Unternehmen warten nicht auf die nächste Reform. Im Energiewende-Barometer der DIHK vom Sommer 2026 sagen rund 60 Prozent der großen Industriebetriebe, dass sie Produktion in Deutschland einschränken oder verlagern, dass sie es planen oder darüber nachdenken. Ein Drittel tut es bereits. Zwei Drittel der Industriebetriebe sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit durch die Energiekosten beeinträchtigt.8
Zur Ehrlichkeit gehört auch: Energie erklärt nicht alles. Die energieintensiven Branchen sind 2026 nicht mehr die schwächsten, die Industrie insgesamt liegt im Juli gut drei Prozent unter Vorjahr.9 Wer jede Schwäche auf den Strompreis schiebt, macht es sich so bequem wie die Politik, die jede Schwäche auf die Weltlage schiebt.
Was bleibt
Ich wünsche mir von der Politik keinen weiteren Sondertarif für ausgewählte Branchen, sondern einen Strompreis, der für jeden Betrieb planbar ist. Netzentgelte, die nicht jedes Jahr neu verhandelt werden. Und die Ehrlichkeit zu sagen, dass zehn Milliarden Euro für vier Zehntel Cent kein Durchbruch sind.
Und für die Betriebe gilt, was immer gilt, wenn man eine Größe nicht beeinflussen kann: Man konzentriert sich auf die, die man beeinflussen kann. Die Stromrechnung gehört nicht dazu. Wie viele Aufträge in die Halle kommen, schon.
Quellen
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BDEW: „Strompreisanalyse August 2026“, 08/2026. Industriekunde mit 160 MWh bis 20 GWh Jahresverbrauch, Mittelspannung. ↩ ↩2
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Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „2026 wird Energie spürbar günstiger“, 2026. ↩
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BusinessEurope: „High cost of energy“, 2025. Auf Basis von Eurostat-Daten für 2024. ↩
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Eurostat: „Gas prices for non-household consumers, second half of 2025“, 08.05.2026. ↩
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Bundesministerium für Wirtschaft und Energie: „Industriestrompreis wird eingeführt“, 16.04.2026. ↩
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iww: „Wer jetzt entlastet wird und wer leer ausgeht“, 2026. Ebenso Vattenfall: Industriestrompreis beantragen. ↩
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Börsen-Zeitung: „Maschinenbauer gegen Industriestrompreis“, 07.11.2023. ↩
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DIHK: „Energiekosten: Jedes dritte große Industrieunternehmen verlagert bereits Produktion ins Ausland“, 27.07.2026. Energiewende-Barometer 2026, rund 3.100 Unternehmen. ↩
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Statistisches Bundesamt: „Produktion im Produzierenden Gewerbe im Juli 2026“, 09/2026. ↩