Julian Budak

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Polen digitalisiert, wir verwalten.

Polen macht seinen Staat in einem Tempo digital, von dem unsere Verwaltung nur träumen kann. Seine Unternehmen hinken noch hinterher. Genau das ist unser Zeitfenster, und es schließt sich.

Julian Budak Gründer von budak.

Seit dem 1. April 2026 läuft in Polen jede Rechnung zwischen zwei Unternehmen über ein staatliches System namens KSeF. Nach Angaben des Finanzministeriums gingen in den ersten vier Monaten rund 290 Millionen Rechnungen darüber, von gut zwei Millionen Absendern.1 Der Start war nicht glatt, es gab Ausfälle und Probleme bei der Anmeldung.2 Aber er fand statt, zum angekündigten Termin.

In Deutschland müssen Unternehmen seit 2025 eine E-Rechnung empfangen können. Verschicken müssen sie erst ab 2027, kleinere Betriebe ab 2028.3 Das ist nur ein Detail, aber ein typisches.

Der Staat als Taktgeber

Die EU-Kommission misst jedes Jahr, wie digital die Verwaltungen ihrer Mitgliedstaaten sind. Im Bericht 2026 kommt Polen bei den digitalen Diensten für Unternehmen auf 88,8 Punkte.4 Deutschland kommt auf 77,8.5 Bei den Diensten für Bürger hat Polen in einem Jahr von 70,7 auf 83,9 Punkte zugelegt, Deutschland ist leicht gefallen.4

Die polnische Staats-App mObywatel nutzen inzwischen rund zwölf Millionen Menschen.6 In Deutschland waren im Januar 2026 laut einer Auswertung des IW von 7.509 einzelnen Verwaltungsleistungen gerade einmal 823 bundesweit online verfügbar. Das sind elf Prozent.7

Die Kommission bescheinigt Deutschland eine „vergleichsweise geringe Verfügbarkeit und Nutzung digitaler öffentlicher Dienste“.5 Immerhin habe das neue Digitalministerium „etwas Schwung erzeugt“.5 Etwas Schwung, nach fast einem Jahrzehnt Onlinezugangsgesetz.

Die unbequeme Hälfte der Wahrheit

Wer jetzt sagt, Polen sei uns digital voraus, macht es sich zu einfach. Bei den Unternehmen selbst sieht es umgekehrt aus. In Deutschland erreichen 73,6 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen eine digitale Grundausstattung, in Polen 59 Prozent.5 Künstliche Intelligenz nutzen bei uns 26 Prozent der Unternehmen, in Polen 8,4 Prozent.4 Die Kommission schreibt selbst, die langsame Digitalisierung der polnischen KMU untergrabe die Wettbewerbsfähigkeit des Landes.4

Das ist keine Entwarnung. Das ist ein Zeitfenster.

Ein Staat, der seine Unternehmen zwingt, Rechnungen digital zu schreiben, Bescheide digital zuzustellen und Daten digital zu melden, erzieht sie. Nicht über Förderprogramme, sondern über den Alltag. Wer jeden Tag digital mit dem Finanzamt arbeitet, fragt sich irgendwann, warum er mit seinen Kunden noch per Fax und Messekatalog spricht.

Und diese Unternehmen arbeiten mit Arbeitskosten von rund 19 Euro pro Stunde. In Deutschland sind es rund 45 Euro.8 Polen ist heute schon Deutschlands fünftgrößter Handelspartner, knapp hinter Frankreich, vor Italien und China.9

Unser Vorsprung liegt heute in den Betrieben, nicht im Staat. Wie lange noch, entscheiden die Betriebe.

Was ich daraus mitnehme

Ich halte nichts von der Erzählung, Deutschland verliere gegen Osteuropa, weil dort alles besser laufe. Es läuft nicht alles besser. Aber dort wird der Staat gerade zum Taktgeber für Digitalisierung, und bei uns ist er immer noch der Bremser.

Von der Politik wünsche ich mir deshalb keine weiteren Programme, sondern Verfahren, die schneller sind als das Projekt, das sie genehmigen sollen. Und Pflichten, die nicht erst 2028 greifen.

Vom Mittelstand wünsche ich mir etwas anderes: dass er nicht wartet, bis der Staat ihn digitalisiert. Unsere Betriebe sind technisch besser aufgestellt als ihre polnischen Nachbarn. Das bleibt aber nur ein Vorteil, solange ein Einkäufer davon erfährt, bevor er bei jemand anderem anfragt.

Quellen

  1. Forsal: „Wiadomo, ilu przedsiębiorców korzysta z KSeF“, 30.05.2026. Zahlen des polnischen Finanzministeriums. ↩

  2. The Legal 500: „Poland’s national e-invoicing system KSeF – a summary of the first days of operation“, 23.04.2026. ↩

  3. IHK Region Stuttgart: „E-Rechnungen“. ↩

  4. Europäische Kommission: „Poland 2026 Digital Decade Country Report“, Juni 2026. ↩ ↩2 ↩3 ↩4

  5. Europäische Kommission: „Germany 2026 Digital Decade Country Report“, Juni 2026. ↩ ↩2 ↩3 ↩4

  6. Spider’s Web: „mObywatel: popularność, wyniki, liczby“, 26.05.2026. Angaben der polnischen Regierung. ↩

  7. Institut der deutschen Wirtschaft: „Behörden-Digimeter 2026“, 12.03.2026. ↩

  8. Eurostat: „Hourly labour costs 2025“, 31.03.2026. Wert für Polen nach der Aufstellung der WKO: Arbeitskosten in Europa. ↩

  9. Germany Trade & Invest: „Außenhandelsranking Polen“, 12.01.2026. ↩

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Julian Budak

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