Wer heute KI-Experte ist, war gestern Social-Media-Berater.
Warum der Mittelstand der Goldgräberstimmung misstrauen sollte, ohne der Technik zu misstrauen.
Julian Budak Gründer von budak.
Ich arbeite jeden Tag mit künstlicher Intelligenz. Sie schreibt mit mir Code, wertet Daten aus und nimmt mir Arbeit ab, für die ich vor zwei Jahren Tage gebraucht hätte. Ich bin also der Letzte, der sagt, KI sei ein Hype, der vorbeigeht.
Aber ich sehe auch, wer sie gerade verkauft.
Alle nutzen es, kaum einer kann es
Im September 2026 hat der Bitkom gemeldet, dass erstmals die Mehrheit der Unternehmen KI nutzt: 57 Prozent, nach 36 Prozent im Vorjahr. In derselben Befragung sagen nur 3 Prozent, dass sie das Potenzial eher stark ausschöpfen. Zwei Drittel bewerten die KI-Kompetenz ihrer Mitarbeiter als gering.1
Das Statistische Bundesamt kommt für 2025 auf 26 Prozent2, das ifo-Institut für den Maschinenbau auf rund die Hälfte.3 Je nachdem, wen man fragt und was man unter „KI nutzen“ versteht, liegt die Wahrheit irgendwo zwischen einem Viertel und mehr als der Hälfte. Allein diese Spanne zeigt, wie unscharf das Thema ist. Ein Chatbot-Zugang für die Assistenz ist eben etwas anderes als ein System, das in der Fertigung Ausschuss vorhersagt.
Und in diese Unschärfe stößt gerade eine ganze Branche.
Die Goldgräber
Vor zehn Jahren hieß es, ohne Facebook-Strategie sei ein Unternehmen nicht zukunftsfähig. Vor fünf Jahren war es Blockchain. Heute ist es KI, und viele der Menschen, die damals Social-Media-Workshops verkauft haben, verkaufen heute KI-Transformation. Die Folien sehen ähnlich aus. Nur das Wort in der Überschrift hat sich geändert.
Das wäre harmlos, wenn es nur Geld kosten würde. Es kostet aber auch Vertrauen. Eine viel zitierte Untersuchung des MIT kam 2025 zu dem Schluss, dass rund 95 Prozent der Unternehmen aus ihren Projekten mit generativer KI keinen messbaren Ertrag ziehen.4 Die Studie ist methodisch dünn und wird oft überzogen zitiert. Aber sie trifft einen Nerv, weil viele Geschäftsführer genau das erlebt haben: viel Workshop, wenig Wirkung.
In den USA hat die Börsenaufsicht bereits Unternehmen bestraft, die ihre KI nur behauptet hatten.5 Es gibt einen Namen dafür: AI-Washing.
Angst als Geschäftsmodell
Besonders beliebt ist gerade die Angst vor dem AI Act. Schulungspflicht, Hochrisiko, Bußgelder. Was dabei selten erwähnt wird: Die EU hat im Juli 2026 per Omnibus nachgebessert. Die Hochrisiko-Pflichten wurden auf Ende 2027 und 2028 verschoben, die Pflicht zur KI-Kompetenz deutlich entschärft.6 Für KI in Maschinen sollen künftig die Regeln der Maschinenverordnung gelten.6 Wer einem Maschinenbauer heute ein teures Compliance-Paket wegen des AI Act verkauft, sollte ihm erst einmal erklären, welche Pflicht ihn konkret wann trifft.
Der Unterschied zwischen einem Experten und einem Verkäufer zeigt sich an einer einfachen Frage: Was hast du gebaut?
Mein Maßstab
Ich glaube, dass KI den Mittelstand stärker verändern wird als alles, was das Internet bisher gebracht hat. Gerade deshalb sollte er wählerisch sein, mit wem er diesen Weg geht.
Ein ernstzunehmender Partner kann zeigen, was er selbst gebaut hat, nicht nur, welche Tools er empfiehlt. Er redet über Ergebnisse in Aufträgen und Stunden, nicht über Potenziale. Und er sagt auch einmal, dass eine Sache sich nicht lohnt.
Der Mittelstand hat ein sehr gutes Gespür für Menschen, die mehr reden als liefern. Er sollte es gerade jetzt benutzen.
Quellen
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Bitkom: „Erstmals nutzt die Mehrheit der Unternehmen KI“, 14.09.2026. 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten. ↩
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Statistisches Bundesamt: „Unternehmen, die Künstliche Intelligenz nutzen“, 2025. Unternehmen ab 10 Beschäftigten. ↩
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ifo Institut: „Unternehmen setzen immer stärker auf Künstliche Intelligenz“, 16.06.2025. ↩
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Virtualization Review: „MIT Report Finds Most AI Business Investments Fail“, 19.08.2025. Zur MIT-NANDA-Studie „The GenAI Divide“; kleine Stichprobe, Methodik umstritten. ↩
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U.S. Securities and Exchange Commission: „SEC Charges Two Investment Advisers with Making False and Misleading Statements About Their Use of Artificial Intelligence“, 18.03.2024. ↩
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Lewis Silkin: „The Digital Omnibus on AI enters into force today“, 27.07.2026. Ebenso Gibson Dunn: EU AI Act Omnibus Agreement. ↩ ↩2